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Aufbauprojekt Sour Clueless

Aufbauprojekt Sour Clueless

Manchmal komme ich beim Radfahren an einen Punkt, an dem das Bekannte nicht mehr so reizvoll ist. Ein Punkt, an dem ich zwar mit dem Rad unterwegs aber nicht zufrieden bin. Oder sogar ein Punkt, an dem ich etwas grundsätzlich anders machen möchte. Wenn diese Gedanken in mir aufkommen, ist es Zeit für Veränderungen.

Darum habe ich nicht lange gefackelt und habe mich Ende des letzten Jahres sowohl vom Norco Range Enduro, als auch vom Norco Search Adventure Bike getrennt.

Seit dem Aufbau des Stanton Sherpa Hardtails habe ich Lust am individuellen Aufbau von besonderen Rädern gefunden. Mein Ziel ist dabei mehr und mehr neben einer ansprechenden Optik auch eine Reduktion auf das Wesentliche. In diesem Atemzug stieg auch die Begeisterung für alternative Rahmenmaterialien wie Stahl und Titan.

Umso mehr freute ich mich über die Zusage von Sour Bicycles aus Dresden, die ein neues Aufbauprojekt in diese Richtung mit einem Rahmen unterstützen wollten. Die junge Marke aus  hat aktuell ein Portfolio aus 6 Stahlrahmenmodellen und hält sich allerdings insgesamt auch mit Werbung und Co. eher bedeckt. Das macht sie zum einen sympathisch unaufdringlich und zum anderen auch ein bisschen geheimnisvoll. Die Rahmen werden in Dresden entworfen, veredelt und montiert. Geschweißt wird nach den Vorgaben von Sour in Taiwan. Anspruch der Dresdner ist dabei, beste Qualität zu vernünftigen Preisen anzubieten, um möglichst viele Menschen aufs Rad zu bringen. Durch die lokale Vernetzung, das Know-How und Leidenschaft soll das Lebensgefühl Fahrrad aktiv gelebt und gepflegt werden.

Für das aktuelle Projekt habe ich einen Rahmen vom Modell „Clueless“ inklusive Carbongabel zur Verfügung gestellt bekommen. Ende des vergangenen Jahres wurden entsprechende Neuteile eingekauft, ebenso wie ein paar Schnapper aus Gebrauchtteilebörsen im Internet. Ergänzt mit ein paar Überbleibseln vom Norco Search entstand so das neue Projekt Bike für die Straße.

Der Aufbau

Rahmen

Das „Clueless“ wird von Sour als „reshaped road bike“ beschrieben. Also eine Art neue Form von Rennrad, das mit einer Mischung von alt und neu sowohl auf Asphalt, als auch bei der nächsten langen Ausfahrt im leichten Gelände Freude bringen kann. Die Eckdaten des Rahmens und gleichzeitig meine Kriterien bei der Auswahl waren: Stahlrahmen, Steckachsen vorn und hinten, Scheibenbremsen und die Möglichkeit das Rad sowohl mit 28 Zoll Rädern, als auch mit 27,5 Zoll Rädern fahren zu können. Mit der Zusage für den Rahmen bekam ich gleich die Info, dass zum Zeitpunkt der Anfrage nur noch ein Vorserienmodell in Rahmengröße XL ( 58 cm von Mitte Tretlager bis Oberkante Sitzrohr) zur Verfügung stünde. Das schien mir recht groß für meine Proportionen, da ich zuvor immer kleinere Rahmen gefahren bin und damit gut zurecht kam. Durch das Sloping des Rahmens sollte die zur Verfügung gestellte Rahmengröße aber auch für meine 1,85 m fahrbar sein. Eine echte Überraschung war die Lackierung des Rahmens, von der ich im Vorfeld gar nichts wusste. Erst beim Auspacken des Rahmens konnte ich einen Blick darauf werden und muss sagen, ich selbst hätte mir diese Farbe wahrscheinlich nie ausgesucht, aber das „Ultra Emerald“ hat mich  vom Moment des Auspackens an fasziniert. Im fertig aufgebauten Zustand passt diese Farbe zudem einfach super ins Konzept und ergibt ein spannendes und stimmiges Gesamtbild.

Laufräder und Reifen

Das neue Projekt soll mich in erster Linie schnell auf Arbeit und wieder nach Hause bringen. Zudem sind lange Touren auf Asphalt geplant, eventuell auch die eine oder andere Bikepacking Aktion. Bei der Wahl der Räder war für mich klar, dass ich gern eine Nabe mit Zahnscheibenfreilauf haben möchte da ich von diesem Prinzip technisch sehr angetan bin. Preis-Leistungs-Sieger war hier DT Swiss mit der 350er Nabe. Ich habe einen gebrauchten Laufradsatz in einer Online-Teilebörse gefunden mit exakt diesen Naben und ebenso mit DT Swiss Speichen und Felgen. Die DT Swiss RR411 Alu-Felge ist zwar leider „nur“ gesteckt und nicht geschweißt und besitzt darum einen recht deutlich sichtbaren Felgenstoß, aber für den Erstaufbau war das für mich in Ordnung. Die Decals wurden noch vor dem Einbau entfernt, denn eine schlichte saubere Optik ist mir hier wichtig gewesen.

Da das Rad als Ganzjahresrad herhalten soll, waren auch entsprechende Reifen notwendig. Und was passt da besser als ein Pneu, der die 4 Jahreszeiten bereits im Namen trägt? Darum wurden die Continental Grand Prix 4-Season mit 25 mm Breite aufgezogen.

Antrieb und Bremsen

Alle Räder, die ich bisher mit Rennbügel gefahren bin, waren mit einem Shimano Antrieb versehen. Auch hier wünschte ich mir eine Veränderung. SRAM bietet im Unterschied zu Shimano reine 1×11 Antriebe auch für road, gravel und cyclocross Räder an. Auf den Umwerfer wollte ich, wie schon am Norco, auch beim neuen Rad verzichten. Ich entschied mich für die zweckmäßige Variante eines SRAM Rival 1 Antriebs. Durch Zufall konnte ich günstig noch eine gebrauchte SRAM Force 22 Kurbel erstehen, die ohne Spider auch problemlos mit Einfachantrieb gefahren werden kann. Um meiner Affinität in Bezug auf ovale Kettenblätter nachzugehen, gab es eine direct mount Variante von Absolute Black. Neben der Funktion konnte dadurch ebenfalls eine deutliche optische Aufwertung erreicht werden. Da die SRAM Rival 1 Kassette eine größere Bandbreite als meine bisherigen Shimano 105 Kassetten besaß, konnte ich auch beim Kettenblatt ein paar Zähne zulegen. Die Kassette (PG 1130) besitzt 11 Ritzel mit einer Abstufung von 11 auf 36 Zähne. Entsprechend rotiert das Absolute Black Kettenblatt nun mit satten 46 Zähnen an der Kurbel, also nochmal mit 2 Zähnen mehr als ich bisher gefahren bin.

Die Bremsen habe ich vom Norco Search übernommen. Die mechanischen TRP Spyre ließen sich allerdings erst nach ein wenig Adapter-Wahnsinn montieren. Das Sour Clueless verfügt über Flat Mount Bremsaufnahmen. Die alten TRP Spyre Bremssättel besitzen den Postmount-Standard. Da die Installation mit Flat Mount Aufnahme vor allem am Rahmen für mich neu war, musste ich etwas experimentieren, bis die passenden Adapter und Schrauben gefunden waren.

Anbauteile

Die übrigen Anbauteile wurden weitestgehend übernommen. Ritchey-Vorbau und Bontrager Aero Lenker haben bereits am Norco Search eine zuverlässige Arbeit geleistet und wurden darum übernommen. Beim Sattel wollte ich zunächst keine Experimente machen und vertraue auf den für mich altbewährten SQ Lab Ergowave. Bei der Sattelstütze habe ich ein paar Euro in die Hand nehmen müssen, da die Originalstütze vom letzten Rad zu kurz war. Ich habe mich hier für ein günstiges Modell von KCNC entschieden, weil mir vor allem die Sattelklemmung optisch gut gefiel. Allerdings ist mir der Schriftzug auf der Ti Pro Lite AL75 etwas zu aufdringlich, weshalb dies noch eine Baustelle für die Zukunft bleiben wird.

Immer spannend bei Neuaufbauten finde ich die Zugführung von Brems- und Schaltzügen. Es soll nicht zu kurz und nicht zu lang sein und wenn möglich auch noch optisch passen. Ursprünglich hätte ich am liebsten innenverlegte Züge gehabt. Mittlerweile bin ich von diesem Gedanken schon wieder weg, denn wenn auch öfter mal gebastelt und was verändert werden soll, kann das schon nervig und fummelig werden. Unterm Strich habe ich alle Züge auch am Clueless sauber außen am Rahmen verlegt bekommen und habe abschließend mit neuem Syntace Lenkerband den Rennbügel garniert.

Die aktuelle Version des Cockpits wirkt aus meiner Sicht etwas beladen. Als liebes Geschenk meines Freundes Kalle freue ich mich hier über die Knog Oi luxe, die gut ins Konzept passt. Hinzu kommt allerdings noch der Quadlock Out Front Mount Halter fürs Smartphone, das ich für die Navigation auf längeren Touren nutzen möchte. Hier habe ich mir gewünscht, am optionalen GoPro Mount die Hope R4+ Lampe anbringen zu können, was jedoch leider aus konstruktiven Gründen nicht geklappt hat. Bzw. hat es auf Kopfsteinpflaster bei hohem Tempo so sehr geklappert, dass ich dieses Variante nicht mehr fahre. Hinzu kam, dass die GoPro Befestigung die Schläge vom Untergrund nicht ausgehalten hat und sich somit die Lampe ständig verdreht hat. Darum befinden sich aktuell im Höchstfall 3 verschiedene Halterungen/Schellen am Lenker, welche die Optik etwas trüben. Form folgt allerdings Funktion, weshalb dies erstmal so bleiben muss. Habe ich eine bessere Lösung gefunden, werde ich es natürlich mitteilen. Bis dahin kann ich auch damit leben je nach Bedarf die Schellen immer mal zu demontieren.

Die ersten Fahreindrücke

Ein ganz besonderer Moment bei einem neu aufgebauten Rad ist die erste Ausfahrt. Bei einem Winteraufbau kommt hier noch die spannende Komponente namens Wetter hinzu. Zum Glück gab es Ende Dezember und auch im neuen Jahr bereits mildere und vor allem trockene Tage, die mir ein paar Ausfahrten erlaubt haben. Allerdings war ich auch bei -10° und Sonnenschein mit den Jungs eine Runde drehen.

Im ersten Moment fiel natürlich die für mich neue Rahmengröße auf. Meine Sitzposition war wesentlich aufrechter als bisher bei meinen Straßenrädern. Die Überhöhung vom Sattel im Verhältnis zum Cockpit ist deutlich geringer und ist durchaus ein Punkt, an den ich mich gewöhnen muss. Stahlrahmen wird allgemein eine geringere Steifigkeit nachgesagt als den Artgenossen aus Aluminium oder Carbon. Positiv formuliert könnte man allerdings auch sagen: Es fährt sich komfortabler. Eine Befürchtung die mit diesen Punkten einher ging war, dass ich jetzt wesentlich langsamer unterwegs sein werde und eher ein Reiserad als einen Straßenflitzer aufgebaut habe. Bis dato hat sich dies jedoch als Irrtum erwiesen. Das heißt, nicht ganz. Der Komfort ist tatsächlich deutlich gestiegen. Ich sitze angenehm aufrecht auf dem Rad und gefühlt sind Vibrationen von Kopfsteinpflasterpisten und anderen widrigen Straßenverhältnissen weniger spürbar als bisher. Dazu trägt neben dem Stahlrahmen wahrscheinlich auch der geringere Reifendruck bei, den ich mit dem Wechsel auf die Conti 4-Season vorgenommen habe. Statt der ursprünglichen 8 bar auf dem Conti Grand Prix 4000 II, fahre ich jetzt nur noch 7,5 bar, angepasst an mein Körpergewicht von knapp 75 kg. Die Fahrstabilität in der Abfahrt ist ebenfalls hervorragend und sicher ein Produkt aus Rahmenhöhe, Rahmenmaterial und geringerem Reifendruck.

Trotzdem kann ich (zum Glück) auch mit dem jetzigen Setup immer noch druckvoll fahren und für meine Verhältnisse ordentlich Gas geben. Dazu trägt sicher auch das größere Kettenblatt bei. Ich habe das Gefühl, umso größer das Kettenblatt, umso stärker zeigen sich auch die positiven Eigenschaften des ovalen Kettenblattes. Zudem habe ich auch am Clueless ja die Möglichkeit den Unterlenker zu nutzen um noch mehr Druck auf die Kurbel geben zu können. Somit konnte ich auch mit dem neuen Rad bereits einige neue Bestzeiten aufstellen und ein paar Strava KOMs erobern. Die Übersetzung des Antriebs ist für mich aus aktueller Sicht nach oben und nach unten ausreichend. Klar will das 46er Blatt vorn erstmal getreten werden, vor allem bergauf. Mit dem 36er-Ritzel der Kassette im Rücken und der ovalen Form des Kettenblattes ist dies bisher allerdings immer gut machbar gewesen. Aktuell habe ich damit Steigungen mit bis zu 13 % noch gut erklimmen können. Ich spiele jedoch mit dem Gedanken für Höhenmeter-Massaker noch ein kleineres Kettenblatt für die Kurbel anzuschaffen.

Auch an die Double-Tap Schaltung der SRAM Rival 1 Gruppe konnte ich mich schnell gewöhnen. Eher gewöhnungsbedürftig ist optisch der einsame Bremshebel an der linken Seite, der ohne „Schaltkumpel“ auskommen muss.

Aktuell benötigt die Einstellung der Bremse noch etwas Zuwendung. Ich habe das Gefühl, dass der SRAM Hebel mehr Hebelweg und somit auch mehr Bremszug benötigt als meine bisherigen Shimano 105 Hebel. Somit muss ich im Moment wenn es zügig voran geht die Bremshebel fast bis an den Lenker ziehen, um zum Stehen zu kommen. Ich habe bereits die Zugklemmung am Bremssattel verändert und auch die Bremskolben mehrmals nachgestellt, aber rundum zufrieden bin ich damit noch nicht. Aktuell probiere ich es mit neuen Bremsbelägen von SwissStop und erhoffe mir davon noch ein kleines Plus an Bremskraft.

Zusammenfassung

Der bisherige Test des Sour Clueless brachte für mich tatsächlich zahlreiche Veränderungen mit sich. Neues Rahmenmaterial, neue Rahmengröße, neuer Antrieb, neue Reifen.

In Bezug auf den Rahmen kann ich nur sagen, dass das Team von Sour hier ein tolles Produkt abgeliefert hat. Stahl als Material der Wahl bringt zum einen ein deutliches Plus an Komfort und Ästhetik. Gleichzeitig ist es mit dem Clueless ebenso möglich richtig Gas zu geben. Auch auf kurzen schnellen Ausfahrten waren für mich keine merklichen Einbußen aufgrund der vermeintlich geringeren Steifigkeit des Stahlrahmens spürbar.

Der saubere 1×11 Antrieb von SRAM mit breiter Übersetzung schaltet bisher tadellos. Durch das Absolute Black Kettenblatt mit 46 Zähnen erhält der Antrieb zudem einen sportiven Charakter mit sozusagen eingebautem Rückenwind aufgrund der ovalen Kettenblattform.

Zudem kommen weitere Pluspunkte in Sachen Komfort und Ergonomie durch die Conti 4-Season Reifen mit geringerem Druck als bisher, dem Wohlfühllenkerband von Syntace und dem SQ Lab Ergowave Sattel zustande.

Aktuell größte Baustelle sind die Bremsen, die bis dato gut funktionieren, allerdings nicht vollends überzeugen. Langfristig plane ich hier eine Investition in vor allem optisch passende Flatmount-Bremssättel. Im Zuge dessen kann vielleicht ebenso ein Upgrade in Sachen Funktion erfolgen.

Weiterentwicklung bedeutet in vielen Bereichen: höher, schneller, weiter. Für mich heißt es mittlerweile eher: Reduktion auf das Wesentliche. Aus meiner Sicht ist das beim Sour Clueless Aufbau bisher gut gelungen, auch weil vom Rahmen bis zu den Anbauteilen alles zuverlässig funktioniert. Wir halten euch natürlich über kommende Veränderungen und Upgrades gern auf dem Laufenden.

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