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Brooks Cambium C15 carved vs. C17 carved

Brooks Cambium C15 carved vs. C17 carved

Manchen Radfahrer beschäftigt es ein Leben lang. Andere müssen dem Thema überhaupt keine Aufmerksamkeit widmen. Und doch betrifft es irgendwie alle: Die Wahl des passenden Sattels.

Bisher war ich der Überzeugung, meinen perfekten Sattel in Form der SQlab Sättel, besonders den Ergowave-Modellen, gefunden zu haben. Kleinigkeiten und der Reiz des Unbekannten veranlassten mich trotzdem dazu, mich einmal auf dem Sattelmarkt umzuschauen. Den letzten entscheidenden Impuls gab es durch meinen Gravel Gran Fondo im Sommer. Die lange Zeit im Sattel und die nachträglichen Schmerzen ließen in mir die Fragen aufkommen, ob das ab einer gewissen Fahrdauer einfach wehtun muss, oder ob es auch anders geht. Zumindest kann es vielleicht ja noch längere Zeit weniger schmerzhaft sein. Der Tipp eines guten Freundes und Langstreckler brachte mich schließlich auf die Sättel von Brooks aus England. Lange Zeit waren diese für mich gänzlich uninteressant, da sie ihre Sättel mit echtem Leder bezogen. Für manche ein Qualitätsmerkmal, für mich als Pflanzenfresser, der auch sonst versucht so weit wie möglich auf tierische Produkte zu verzichten, eher ein Ausschlusskriterium. Seit einiger Zeit gibt es allerdings auch bei Brooks Sätteln die Möglichkeit, auf Leder zu verzichten. „Cambium“ heißt die Sattelreihe, die vulkanisierten Naturkautschuk und Baumwolle als Materialien für den Sattel nutzt. Für unseren Test haben wir vom deutschen Vertrieb RTi Sports zunächst ein Testmuster aus dieser Reihe zur Verfügung gestellt bekommen. Ich habe mich aufgrund der Breite für das Modell „C15 carved“ entschieden, da dieser mit 140 mm Breite auch meiner bisherigen Sattelbreite entspricht. Zudem empfiehlt Brooks diesen Sattel für eine eher vorwärtsgerichtete Sitzposition (45°) im Unterschied zu den Modellen C17 und C19, die eher für aufrechte Positionen geeignet sein sollen. Die Bezeichnung „carved“ steht für die besondere Lochkonstruktion in der Mitte des Sattels. Dadurch soll der Druck im empfindlichen Dammbereich minimiert werden.

Und an dieser Stelle folgt ein massiver Spoiler auf den weiteren Test- und Artikelverlauf, der wie der Titel bereits vermuten lässt, eben nicht beim C15 geblieben ist. Ich war grundsätzlich mit dem C15 zufrieden, allerdings hatte ich auch wieder Kleinigkeiten auszusetzen, die nicht passten. Darum habe ich bereits während des Tests bei RTi Sports nachgefragt, ob ich zum Vergleich noch ein Modell des C17 einbeziehen könnte. Und die Erfahrungen dieses Sattel fließen also ebenfalls mit ein.

Ich werde mich im folgenden überwiegend auf die Erfahrungen mit dem C15 beziehen, weil ich diesen deutlich länger und intensiver testen konnte. Ergänzt wird das Ganze jedoch mit den Eindrücken des C17 Sattels. Ich hoffe ich kann damit vielleicht auch Unentschlossenen, die zwischen diesen beiden Modellen stehen, durch meine Eindrücke im Vergleich weiterhelfen.

Zahlen, Daten, Fakten

Der C15 ist in der carved Version 283 mm lang, 140 mm breit und 52 mm hoch. Zudem wiegt er laut Hersteller 432 g (436 g nachgewogen). Die Streben, im Fachjargon ‚Rails‘ genannt, bestehen aus schwarzem Edelstahl, die Sattelschale ist aus Naturkautschuk gefertigt. Die Satteldecke besteht aus Nylon.

Der C17 unterscheidet sich tatsächlich nur in feinen Details. Bei gleicher Länge und Höhe, ist er mit 164 mm lediglich 24 mm breiter als der C15. Durch das zusätzliche Material ist er mit 446 g laut Hersteller (441 g nachgewogen) nur minimal schwerer als das Vergleichsmodell C15. Der optische Vergleich zeigt allerdings, dass das C15 an den Seiten deutlicher steiler abflacht als der C17. Dieser ist nicht nur breiter, sondern wirkt im ganzen Aufbau bei identischer Höhe auch deutlich flacher.

Empfohlen werden beide Modelle vom Hersteller ganz allgemein für den Stadt-, Strassen- und Graveleinsatz. Zudem sollen Wettereinflüsse den wasserdichten und abriebfesten Satteldecken der Cambium Modelle nichts anhaben können.

Mit einer UVP von 110,- € reihen sich die getesteten Brooks Sättel eher im unteren bis mittleren Preissegment vergleichbarer Sättel ein.

Nach dem Auspacken

Mir zeigten sich im Anschluss an das Unboxing zunächst zwei Dinge: Zum Einen kommen die Sattel extrem puristisch daher. Tatsächlich findet man keinen Schnickschnack, keine dekorativen Kunststoffleisten, Verzierungen oder dergleichen. Lediglich die Brooks typischen Nieten am Ende der Sättel sowie der markante Schriftzug sind am C15 und ebenso am C17 Sattel zu finden. Die Sättel besitzen eine Entlastungsöffnung im Sitzbereich, wodurch der Druck im Dammbereich verringert werden soll. Zum Anderen habe ich schon beim Auspacken erfühlen können, wie stark der Flex der Sättel ist. Dies stieß zunächst auf Verwunderung, wenn nicht sogar Skepsis. Ich kannte bisher noch keinen Sattel, bei dem ich die Sattelschale bis zu den Streben ohne viel Kraftaufwand eindrücken kann. Die zusätzliche Flexibilität soll laut Brooks besonders gut Stöße und Vibrationen der Straße absorbieren.

Ebenfalls habe ich festgestellt, dass der C15 carved von Brooks deutlich kürzer ist als der SQlab 611 active, den ich bisher am Sour Clueless gefahren bin. Die Sattelform ist ebenfalls grundlegend anders. Der Brooks C15 hat keine Stufe, sondern eher ein allgemeines Gefälle vom hinteren Teil des Sattel bis in etwa zum Mittelteil des Sattels und läuft dann waagerecht aus. Gleiches gilt für das C17 carved Modell.

Auf dem Rad

Also ab auf das Sour Clueless montiert und ein paar Runden gedreht. Im ersten Moment spürte ich, dass der Auflagebereich meines Hinterteils auf dem C15 carved ganz anders ist, als ich es von den SQlab Sätteln her kannte. Während ich bisher eher mittig und großflächig auf den Sitzknochen saß, fühlte es sich jetzt so an, als ob der Auflagebereich vergleichsweise klein wäre. Zudem schien die Druckbelastung eher punktuell und an der Inneseite der Sitzknochen gelegen. Was beim C15 carved Sattel deutlich besser geht als bei den SQlab Sätteln, ist die Variation der Sitzposition. Das kann Fluch und Segen gleichermaßen sein. Es war im ersten Moment kein intuitives Sitzen. Beim SQlab Ergowave beispielsweise ist klar, dass die Sitzknochen quasi in die Mulde der beiden Stufen rutschen. Auch beim SQlab Modell ohne Ergowave ist der Sitzbereich recht gut vordefiniert. Beim Brooks Sattel ist dies nicht so. Man kann einerseits weit hinten sitzen und somit auch die Auflagefläche auf dem Satten vergrößern. Ebenso ist es möglich, weit nach vorn zu rutschen und dort mit wenig Auflagefläche zu sitzen. Dadurch fällt es allerdings mir persönlich schwer, den optimalen Sitzbereich zu finden. Es war quasi ein ständiges rutschen und probieren, wo es dem Hintern am besten gehen könnte. Den optimalen Sitzbereich hatte ich nach den ersten Fahrten rückblickend definitiv nicht gefunden und nach 2 Stunden im Sattel auch unangenehme Schmerzen.

Der Flex des Sattels war für mich beim Fahren nicht spürbar. Im Dammbereich war dank der Aussparung in der Mitte des Sattels allerdings alles entspannt.

Im Laufe des Tests nahmen die Schmerzen an den Innenseiten der Sitzknochen deutlich ab. Optimal war es trotzdem nicht. Da der C15 ja eher für eine vorwärtsgerichte Sitzposition empfohlen wird, habe ich den C15 zwischenzeitlich auch auf das Reilly T325d Rennrad mit deutlch sportlicherer Sitzposition geschraubt. Doch auch hier blieben die Druckspitzen und das unangenehme Gefühl.

Spannend hingegen zeigten sich Veränderungen an einer anderen, unerwarteten Baustelle. Ich hatte in den vergangenen 2 Jahren sehr zuverlässig ab ca. 45 Minuten Fahrzeit, egal auf welchem Rad, mit einschlafenden Fingern zu kämpfen. Dies wiederkehrend in der linken Hand und zwar im kleinen Finger und Ringfinger. Ich änderte daraufhin schon Lenkerband bzw. Griffe, fügte Spacer unter dem Vorbau hinzu und probierte noch einiges mehr aus. Dass es am Sattel liegen könnte, kam mir allerdings nicht in den Sinn. Mit dem Brooks C15 carved hatte ich damit von jetzt auf gleich überhaupt keine Probleme mehr. Egal ob auf dem Sour Clueless oder auf dem Reilly T325D, wenn ein Brooks Sattel drauf war, ging es den Händen gut.

Mein Test könnte damit eigentlich schon am Ende sein und hätte heißen können: Der Sattel ist optisch sehr schick und passt sehr gut ans Rad. Er ist deutlich anders als die SQlab Sättel, der Auflagebereich ist anders aber man gewöhnt sich dran, die Finger schlafen nicht mehr ein, aber es bleibt ein Wehrmutstropfen, dass es doch deutliche Druckspitzen und somit langfristig ein unangenehmes Gefühl beim Sitzen gibt. Damit wollte ich mich allerdings nicht zufrieden geben und es ist ja kein mathematisches Hexenwerk zu überlegen, wie sich die Druckspitzen an den Sitzknocheninnenseiten vermeiden lassen:

Bei einem schmaleren Sattel ist der Auflagebereich deutlich kleiner als bei einem breiteren Sattel. Wenn ich also nur einen kleinen Auflagebereich beim Sattel habe (C15), weil er dann außen abfällt, bringt hier vielleicht ein breiteres Modell Abhilfe. So kam ich auf die Idee, nochmal den C17 carved in den Ring zu werfen und ich freue mich sehr, dass ich von RTi Sports auch diesen Sattel testen durfte.

Brooks C17 Cambium carved

Es war inzwischen schon einige Zeit ins Land gegangen, Sonntag, 6. Dezember 2020, Nikolaustag. Das Paket mit dem C17 carved lag bereits einige Tage hier und ich hatte endlich die Möglichkeit wieder mit dem Rad aktiv zu werden. Ich habe nochmal eine kleine Runde mit dem C15 carved gedreht, um im Anschluss direkt den C17 carved zu montieren und anschließend eine direkte Vergleichsrunde zu drehen. Ähnlich wie damals beim Tubeless-Umbau hat auch hier der direkte Vergleich offensichtliche Unterschiede zu Tage gefördert.

Während der breitere Sattel mit den selben positiven Eigenschaften aufwarten konnte, wie das zuvor getestete, schmalere Modell, waren nun genau die Punkte, die mich am C15 carved noch gestört haben, nicht vorhanden. Der Hintern fand sofort seinen „Sweetspot“ und hatte bereits unmittelbar nach dem Aufsteigen die optimale Position gefunden. Die Auflagefläche ist deutlich breiter als beim schmaleren C15. Auch die Druckspitzen an den Innenseiten der Sitzknochen sind nun weg.

Daraufhin musste natürlich noch eine längere Ausfahrt folgen. Bei 1,5 Stunden mit milden 7 °C Außentemperatur ging es auf dem Sour Clueless sehr straßenlastig nochmal nach draussen. Das Sitzgefühl war auch hier während der ganzen Fahrt sehr angenehm. Es fühlte sich so an, als würde mein Hintern genau mit der umlaufenden Kante des Sattels abschließen. Zudem verteilte sich die Auflagefläche auf eine vergleichsweise große Fläche, wodurch keine Druckspitzen entstanden. Und auch der empfindliche Dammbereich blieb dank der Öffnung im Inneren des Sattels entspannt. Und die Hände? Auch die schliefen wie schon beim C15 nicht mehr ein.

Fazit

Egal welchen Sattel man gewöhnt ist und welche Alternativen man ausprobiert, eine gewisse Umgewöhnungszeit gibt es immer, wenn man etwas Neues testet. Die Euphorie und das Interesse am Brooks C15 carved Cambium waren von Beginn an Groß. Doch auch nach der eingeräumten Umgewöhnungsphase zeigten sich weiterhin Punkte, die den Sattel als nicht optimal für mich erschienen liessen. Der Brooks Sattel hatte allerdings vor allem in einem Bereich einen deutlichen Vorteil gegenüber den SQlab Sätteln, die ich sonst fahre: Meine Hände schliefen beim Fahren nicht mehr ein. Ein für mich wichtiger Grund um dran zu bleiben und den Sätteln noch eine andere Chance zu geben, auch wenn die Sitzposition auf dem ersten Testmuster nicht optimal war.

Nachdem ich nun vorübergehend die Wahl zwischen einschlafenden Händen (SQlab) und schmerzenden Sitzknochen (Brooks Cambium C15 carved) hatte, kam die Lösung in Form eines breiteren Testsattels, dem Brooks Cambium C 17 carved. In den meisten Details identisch mit dem C15 carved, nur eben etwas breiter und dadurch auch minimal schwerer. Dadurch gab es keine Druckspitzen mehr an den Sitzknochen und gleichzeitg bleibt das positive Gefühl in den Fingern.

In meinem Fazit geh es darum nicht ausschließlich um den Sattel, wobei der Brooks C17 carved nun letztendlich mein Herz erobert hat. Sondern es geht vor allem um den Prozess der Sattelwahl. Das Schwierige ist dabei sicherlich, dass nicht jeder Zugriff auf mehrere Testsättel hat. Ich kann nur dazu ermutigen, Angebote von Herstellern zu nutzen, die es erlauben Sättel umzutauschen, wenn sie nicht passen sollten (Geld-zurück-Garantie). So z.B. bei SQlab und auch Trek/Bontrager. Da ich für Brooks Sättel eine derartige Möglichkeit nicht recherchieren konnte, würde ich bei Bedenken bzgl. der Sattelbreite aufgrund meines Tests eher zum breiteren Modell raten.

Für mich ist letztendlich der Brooks Cambium C17 carved Sattel die erste Wahl für das Gravelbike. Die Sattelform passt hervorragend zu meinem Hinterteil in der Verbindung mit meiner Sitzposition auf dem Rad. Der kritische Dammbereich ist durch die Aussparung in der Mitte entlastet und ich fühle mich jetzt insgesamt wieder wohl auf dem Rad. Bleibt abzuwarten, was beim nächsten Grand Fondo passiert. Der wird sicher im Jahr 2021 kommen, inkl. neuem Bericht von mir.

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